KRAFTWERKE


Atomkernkraft - Risiken der atomaren Energienutzung


Schafft Deutschland den Atomausstieg?

In der energiepolitischen Diskussion geht es immer wieder um das Dreieck aus Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit unserer Energieversorgung. Diese Faktoren müssen nach Ansicht aller Akteure gleichermaßen Berücksichtigung finden.
Seit dem Atomreaktorunfall von Fukushima ist uns das Risiko der atomaren Energieherstellung und seine Folgen wieder in unser Bewusstsein gerückt. Aus einem Ereignis, das man niemals für möglich gehalten hätte und das dennoch eingetreten ist, haben wir gelernt, dass die Wahrscheinlichkeit einer atomaren Katastrophe keineswegs bei 1 zu 1 Million liegt, wie uns Wissenschaft und Industrie bislang immer versichert haben. Das Risiko ist um ein Vielfaches höher als angenommen.

Das Schadensausmaß einer Atomkatastrophe in Deutschland wäre unvorstellbar groß und könnte noch viel größer sein, als bei den Ereignissen in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima. Die deutschen Reaktoren gehören zwar zu den sichersten der Welt, aber zu den leistungsstärksten. Durch diese Mehrleistung besitzen diese Reaktoren ein noch viel größeres radioaktives Inventar, das freigesetzt werden kann.

Unsere zentrale Frage lautet:

Ist unsere Gesellschaft dazu bereit, die Folgen eines schweren nuklearen Unfalls mit hunderttausenden möglichen Opfern in Kauf zu nehmen. Sind wir darüber hinaus bereit, dass Millionen Menschen umgesiedelt werden müssten und hunderte Quadratkilometer Land auf Generationen unbewohnbar wären?

Weiterhin wird weltweit die Umweltverträglichkeit der Uran-Gewinnung und die Entsorgung des Atommülls noch immer unterschätzt.
Jedes Jahr entstehen in den deutschen Atomkraftwerken rund 400 Tonnen hochradioaktive abgebrannte Brennelemente und bis heute weiß noch niemand was mit dem über Jahrtausende strahlenden Abfall passieren soll. Die Endlagerung wird noch Generationen beschäftigen und dabei beträchtliche Steuergelder verschlingen.

Würde man alle Kosten, die mit der atomaren Nutzung und der Entsorgung einhergehen in den Strompreis mit einbeziehen, so hätten wir um ein Vielfaches höhere Energiepreise, als mit regenerativen Energiequellen erreicht werden würden.

Hintergründe

Kernenergie weltweit: Alle 6 Jahre ein ernster Unfall

Statistisch betrachtet kommt es alle 5 - 7 Jahre im Zusammenhang mit der Kernenergie zu einem Unfall, der mindestens als „ernst“ eingestuft wird.
Alle 14 - 25 Jahre ereignet sich ein Unfall, der mindestens als „schwer“ klassifiziert wird.
Von den 18 gemeldeten Unfällen, die sich im direkten Zusammenhang mit der Kernenergie ereignet haben, wurden acht Unfälle mit INES 4 bewertet. Weitere sechs Unfälle entsprachen INES 5. Drei Unfälle erhielten die INES Einstufung 6 (Simi Valley (USA, 1959), Kyschtym Majak (Russland, 1957) und Fukushima (Japan, 2011)). Das Reaktorunglück in Tschernobyl (1986) wurde mit INES 7 bewertet.

Grafik: Blower-Door-Test im Fenster eingebautFoto: Tschernobyl-Gebiet Verlassene Geister-Stadt Pripyat (Bild123rf)

Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktor im AKW Tschernobyl (Ukraine). In Block 4 kam es durch eine dramatische Verkettung von Umständen zur Kernschmelze. Dort geschah das, was eine handvoll Arbeiter im havarierten japanischen AKW Fukushima wochenlang versucht haben, zu verhindern.
Der Unfall-Reaktor in Tschernobyl ist weiterhin aktiv. Rund 190 Tonnen radioaktives Material lagern nach Schätzungen allein noch im Reaktor 4. Darunter sind Strahlengifte wie Cäsium, Strontium und vor allem Plutonium. Weiterhin rund 30 Tonnen radioaktiver Staub und ein giftiges Gemisch aus Regenwasser und Brennstoffstaub. Cäsium-137 ist über die Sperrzone hinaus in vielen Lebensmitteln nachweisbar.

Der neue Sarkophag über der alten havarierten Anlage soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Der "Erste" hat nach 25 Jahren seine maximale Lebenserwartung bereits erreicht, der "Zweite" wird vorraussichtlich 2014 fertig gestellt werden.
29 000 Tonnen Beton und Stahl sollen den Unglücksreaktor umschliessen – 110 Meter hoch, 164 Meter breit und 257 Meter lang. Die Kosten belaufen sich auf ca. 1,6 Milliarden Euro um das Grab zu versiegeln.
Die EU-Kommission hat 110 Millionen Euro für den Aufbau eines neuen Schutzmantels zugesagt. Die Bundesregierung will weitere 42,4 Millionen Euro zahlen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung versprach 120 Millionen Euro. Russland investiert jeweils 45 Millionen Euro im Jahre 2013 und 2014 für Tschernobyl-Projekte.

Grafik: Blower-Door-Test im Fenster eingebautFoto: Tschernobyl Kinderheim (Bild: 123rf)

Die Wissenschaft streitet, wie viele Todesfälle auf die Tschernobyl-Katastrophe zurückzuführen sind. Durch den verseuchten Boden gelangte Radioaktivität über Pflanzen und Tiere in die Nahrungskette. Unzählige Gutachten und Langzeitstudien verschiedener Organisationen u.a. von Greenpeace und der Ärzteorganisation IPPNW sind hierzu in den letzten Jahren erstellt worden. Die IPPNW prognostiziert bis ins Jahr 2056 weltweit 240.000 zusätzliche Krebsfälle wegen Tschernobyl.
Das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR) kommt zum Schluss, dass weltweit aufgrund der Tschernobyl-Strahlung zwischen 30.000 bis 200.000 Kinder mit Genschäden geboren werden und die Zahl der Totgeburten und Fehlbildungen sei nach Tschernobyl deutlich angestiegen.
Allein in Westeuropa, so schätzt selbst die atomunkritische Internationale Atomenergieorganisation IAEO, habe es aufgrund von Tschernobyl 100.000 bis 200.000 Abtreibungen gegeben.

Besonders litten die Aufräumarbeiterinnen und Aufräumarbeiter, die sogenannten Liquidatoren, unter den Folgen ihrer hohen Verstrahlung: Von den etwa 830.000 Liquidatoren sind über 112.000 bereits gestorben, etwa 90 Prozent erkrankten aufgrund der Strahlung.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo Kernenergie ein "Auslaufmodell" ist, setzt der ukrainische Präsident Janukowitsch weiter auf Atomkraft. Seit dem Tschernobyl-Unglück habe es „keine Funktionsstörungen an den vier ukrainischen Kraftwerken mehr gegeben, schreibt der Janukowitsch in einem Gastbeitrag für den Berliner „Tagesspiegel“.

An seiner Meinung ändert auch die Atomkatastrophe im Akw Fukushima nichts. Laut Janukowitsch sei dieser Unfall „eine Folge des unverantwortbaren Risikos, Nuklearkraftwerke in einer geologisch aktiven Region zu bauen“.

Die Atomenergie habe trotzdem „noch eine Chance verdient.Präsident Janukowitsch (Ukraine)

 

Ukrainischer Atomreaktor nach Panne abgeschaltet

Vier Tage nach Fertigstellung dieses Artikels war am 18.04.2012 folgende Meldung in der Presse zu lesen.

Kiew - Nach dem Ausfall eines Transformators in einem südukrainischen Atomkraftwerk hat sich ein 1000-Megawatt-Druckwasserreaktor selbst abgeschaltet. „Der Block wurde auf ein Minimum heruntergefahren und vom Netz genommen", teilte das Zivilschutzministerium nach Medienangaben mit. Radioaktivität sei nicht ausgetreten, niemand sei verletzt worden. Der erste von drei Reaktoren des Werks in Juschnoukrainsk war Ende 1982 ans Netz gegangen. Im ukrainischen Tschernobyl war es am 26. April 1986 zu einer Katastrophe gekommen, als der Block 4 explodierte und dabei gewaltige Mengen Radioaktivität freisetzte.